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Laudatio

zur Verleihung des Margherita-von-Brentano-Preises an die Redaktion der Femina Politica gehalten von Prof. Dr. Peter Steinbach

Liebe Preisträgerinnen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich bin sicher, daß viele meiner Kollegen vor fast zehn Jahren dachten: Femina Politica? - typisch, dieser Titel.

Klar: eine Zeitschrift namens "vir politicus" hätte man nicht gegründet. "Homo politicus" gewiß auch nicht. Und wenn man konsequent gewesen wäre und den Schritt in die Zunft und in die Öffentlichkeit mit einem Titel wie zoon politikon gewagt hätte, dann hätte man nicht nur einen kaum einlösbaren Einspruch erhoben, sondern eine Debatte entfacht. Sie hätte gerade gezeigt, daß es der Hälfte der Menschheit eigentlich in der politologischen Zunft und in der Disziplin nicht angemessen geht, daß in der Vorstellung der Politik- und Sozialwissenschaftler aus dem zoon nicht nur der homo, was ja immer noch "Mann und Mensch" heißt und zumindest dann die Frauen und Kinder einschließt, sondern in praxi sehr schnell nur noch der Mann, also vir, wird. Diese Eingrenzung lag einfach im Denken der damaligen Zeitgenossen.

Femina politica, die politische Frau, das ist heute wissenschaftlich hingegen keine Provokation mehr. Als "Frage der Forschung" stellt sich dieses Wesen in der Politik zumindest auch nicht mehr provozierend, es sei denn, man blickt auf Stellenverteilungen im Übergang von der femina studiosa zur collega und ordinaria, die es in glücklichen Fällen, über die ich mich immer noch freue, zur Vizepräsidentin bringt.

Als wissenschaftliche Fragestellung, als Deutungsrichtung, als Erkenntnisinteresse ist Frauenpolitik, ist weibliche Politikwissenschaft, also durchaus etabliert, nicht nur wegen der Institutionalisierung von Gender als Kategorie und als Forschungsprojekt.

Mir hat der Titel der Zeitschrift immer gut gefallen, aber vielleicht braucht der Mensch manchmal schlicht einen Urlaub, um auch zu wissen, weshalb ihm etwas gefällt.

Ich habe mir einen Urlaub genehmigt und ihn genossen, auch, weil ich mir immer vornehme. im Urlaub wieder einmal ein richtiges Buch zu lesen, etwa "Schuld und Sühne" über die großartige Sonja, oder die "Jahrestage" über die ebenso beeindruckende Gesine, ich meine Cresspahl, Gesine Cresspahl, etwa den Josephsroman oder den Mann, ja. "Mann ohne Eigenschaften", auch "Krieg und Frieden" war einmal auf der Wunschliste - keineswegs eine Männergeschichte- Ich denke, in der hamstermühlenartigen Vielgeschäftigkeit, die uns die Universität auflegt und auferlegt, muß man, denke ich, auch seine Konzentrationsfähigkeit bewußt durch lesen üben.

Einen Traum habe ich mir vor einer Woche erfüllt. Ich wollte die Politeia des Platon einmal in einem Zug durchlesen, ein Gespräch in mehreren Stationen, sagen wir in vier Tagen. Es ist gelungen.

Vorurteile hatte ich genug, präformiert durch Poppers Verteidigung der "offenen Gesellschaft", eine unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem angeblich totalitären Denkern der Antike und der Moderne Platon und Hegel, bei der manches nicht stimmt. In der Politeia geht es um Gerechtigkeit, um Gleichheit, um schlechte Herrscher, um gute Herrscher, um Wächter, Götter, also um vieles, und es geht um die Erkenntnis durch Wissenschaft, durch eine geschulte Befähigung. Und es geht, Sie wissen es, auch um Frauen. Um Frauen als Wächter, als Wächter in der Polis, damit aber auch um wissenschaftliche Frauenbildung als Voraussetzung für die Übernahme hoher und höchster, sogar des höchsten Amtes, des es in Polis, in der Politik gibt: um Frauen in der politischen Führung.

Zunächst stockt einem der Atem, wenn man Sokrates durch vier Bücher von insgesamt zehn Büchern gefolgt ist und sich mit ihm an den Gedanken gewöhnt hat, daß sich das Korruptionsproblem mit dem Verzicht der Wächter auf Eigentum, auf Frauen, auf eine Familie zumindest in der politischen Führung lösen ließe.

Sogar dem Gedanken der Kinder- und Frauengemeinsamkeit kann man etwas abgewinnen, wenn man sich auf Sokrates einläßt. Die Lunte legt Adeimantos mit einer atemberaubenden Frage. Wie er, Sokrates, sich denn, so fragt er, die Frauen- und Kindergemeinschaft vorgestellt habe. Dabei geht es nicht wie an manchen Stammtischen um ein etwas schlüpfriges Problem, sondern Sokrates ahnt: jetzt geht es um das Prinzip und um den Kern seiner Interessen, um das zoon politikon, um den politische Menschen, also nicht nur um den Mann im Machtsystem Polis. Die ihm gestellte Frage vergleicht er mit drei schweren Wogen, mit Brechern, die ihn umreißen können.

Man kann darüber streiten, ob uns die Behauptung der Wesensgleichheit von Mann und Frau als Menschen nur mit dem Blick auf Hündin und Hund eingeht, aber wir wissen ja: Sokrates hatte eine besonderes Verhältnis zum Tier. Dennoch ist dieses Hunde-Beispiel nicht schlecht, denn wer erzöge Hund und Hündin unterschiedlich. Warum also soll man, so fragt er, wegen eines kleinen Unterschiedes Mann und Frau unterschiedlich erziehen? Nein, Mann und Frau müßten gleich erzogen werden, und sie könnten es auch. Suum cuique, jedem das Seine - dies hänge immer von der Bestimmung des ganz Eigenen ab.

Gilt dies auch, so lautet die Gegenfrage, die zweite Woge, im Hinblick auf das Wächteramt? "Natürlich" ist die Antwort, denn seit wann begründe der Geschlechtsunterschied eine unterschiedliche Begabung? Kein Beruf, der zum Wächteramt qualifiziert, ist nur für die männliche Begabung eingerichtet, und natürlich auch keine Tätigkeit des Geistes: Erkennen, Wissen, Nachdenken, Meinen - da sind Männer so gut wie Frauen.

Die Konsequenz, die Sokrates zieht, hätte das europäische Bildungssystem revolutionieren können: Laßt uns Frauen und Männer im Beruf zusammenbringen, "zusammenpaaren" sagt der große Philosoph. Gewiß, manche seiner Weiterungen sind uns dann fremd, weil wir natürlich ein Mißtrauen gegenüber allen Vorstellung der wiederum aus der Tierwelt kommenden Hochzüchtung des Menschengeschlechtes haben. Hier sind wir verdorben, zum Glück!, durch Erfahrungen vor allem unserer Zeit.

Aber, so ist doch zu fragen, weshalb hat das Bekenntnis des Sokrates zur Erkenntnisfähigkeit der Frau, zur ihrer wissenschaftlichen Bildbarkeit, zur Ebenbürtigkeit des Mannes, nicht zu Konsequenzen im Bildungssystem geführt? Warum wurde noch vor gut zweihundert Jahren eine Frau zum Doctor promoviert, indem sie beim examen rigosorum hinter einem Vorhang saß, verborgen ihrer Kommission. Weshalb mußten bildungswillige erkenntnisfähige Frauen sich lange Zeit als Männer verkleiden, nur um an einer Hochschule studieren zu können? Platon können diese angeblichen Humanisten nicht richtig gelesen haben, und Sokrates haben sie gewiß nicht begriffen.

Der Weg der Frauen in den Politik- und Sozialwissenschaften, die sich zum Freiheits- und Gleichheitsideal bekannten, war nicht leicht - Marie Jahodas Schriften etwa sind nicht leicht zugänglich, Hedwig Hintze ist ein Name für Spezialisten, wer kennt sie denn als begnadete Verfassungshistorikerin im modernen Sinne? Auch die Dozentinnen der Hochschule für Politik sind kein Gemeingut.

Hannah Arendt vielleicht, die ist heute in aller Munde, so daß man sie schon vor ihren Anhängern schützen muß, vor den Klischees, die aus ihren klugen Argumenten unsere dummen Schlagwörter, also eine Waffe im politischen Kampf um die Köpfe, machen und etwa vergessen lassen, daß es auch einen "totalitären Antitotalitarismus" gibt. Es ist befreiend und erleichternd zu sehen, daß Margherita von Brentano, einer der ganz großen Gelehrten unserer Universität, Hannah Arendt in ihren Arbeiten nicht in den kleinsten Alltagsmünzen ausgehändigt hat.

Das tut auch die Zeitschrift nicht, die wir heute auszeichnen, zum einen, weil sie das Lächeln der Zeitgenossen, die ihre frühe Karriere verfolgten, hat ersterben lassen, zum anderen, weil sie ernst macht mit dem Bild der Frau in der Politik, der politischen Frau. Zum dritten, weil sie wissenschaftlich gut ist, Chancen eröffnet, Debatten zuspitzt, auch in Zusammenhänge der politischen Frau übersetzt.

Die Zeitschrift "Femina Politica" erscheint im Jahre 2000 im neunten Jahrgang. Sie hat sich seit 1992 aus den "Politologinnen-Rundbriefen" des "Netzwerkes politikwissenschaftlich und politisch arbeitender Frauen" und des "Arbeitskreises 'Politik und Geschlecht' in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft" entwickelt und wie kein anderes in Deutschland erscheinendes politik- und sozialwissenschaftliches Fachorgan zur Akademisierung und Professionalisierung der feministisch orientierten Politikwissenschaft beigetragen. Sie ist zugleich aber mehr als ein zielgruppenspezifisches wissenschaftliches Fachorgan. Dies wurde deutlich, als sich das Erscheinungsbild des Rundbriefes vor drei Jahren inhaltlich und optisch wandelte. Aus den schmucklos weißen Rundbriefen ist eine veritable Halbjahres-Zeitschrift geworden, mit einem sehr ansprechenden Äußeren und einem klaren Profil.

Regelmäßig wird weiterhin über die Aktivitäten des Arbeitskreises "Politik und Geschlecht" der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft und ihrer österreischischen Schwestergesellschaft berichtet. Weiterhin finden sich Nachrichten über das Netzwerk der Wissenschaftlerinnen, Nachrichten aus Lehre und Forschung, Tagungsberichte und Rezensionen. Bemerkenswert sind allerdings vor allem die Rubriken "Tagespolitik" und "Schwerpunkt" - diese Trennung gestattet die politische Kommentierung neuer Entwicklungen und die analytische Durchdringung wissenschaftlicher Probleme und macht in exemplarischer Weise deutlich, daß Texttypen sehr wohl zu scheiden sind, ohne das hohe Niveau einer Zeitschrift zu drücken.

In den Schwerpunkten drückt sich auf eine Weise, die das ganze Fach positiv beeinflußt, eine feministisch-politikwissenschaftliche Perspektive aus. Entschieden, präzise, mit Blick auf die Diskussionen im Fach, werden Positionen begründet, also nicht nur markiert, werden Verengungen aufgebrochen, wird nicht selten auch Kritik an unreflektiert gebliebenen Positionen vorgetragen. Diese Schwerpunkte haben sich ein festen Platz in der wissenschaftlichen Diskussionen gesichert und Respekt für eine feministisch orientierte Politik-Wissenschaft begründen können.

Wer diese Diskussionen nicht zur Kenntnis nimmt, koppelt sich selbst von neuen Entwicklungen des Faches ab und straft sich selbst, gleich ob es um eine erfahrensanalytische Methodenkritik (1/97), um die Politisierung des Körpers (2/99), die Europäische Integration (2/98), die Diskussion über feministische Politikberatung (2/97), um einen feministischen Rückblick auf die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (1/99) oder um die Beleuchtung von Staats- und Demokratietheorien (1/98) geht. Die Artikel sind nicht nur gut geschrieben, sondern sie sind auch diskussionsorientiert und offen, sie laden gleichsam ein und verkörpern so einen charakteristischen Argumentationsstil, der sich in viel apodiktischeren Zeitschriften des Faches nicht findet. Es geht also nicht nur um eine feministische, sondern um eine feministisch-pluralistische Politikwissenschaft. Damit steht die Zeitschrift fachlich und sachlich für eine neue Zugangsmöglichkeiten.

Eine Zeitschrift dieses Umfang herauszugeben, bedeutet ein Risiko, nicht nur ökonomisch, sondern auch reputationsmäßig, denn der Ansatz einer "feministisch orientierten Politikwissenschaft" war immer durch Ironisierung, ja Häme gefährdet. Ein das Risiko tragende Verein hat die Publikation ermöglicht - dies bedeutet keineswegs, daß sich die Schwierigkeiten der Publikation minimiert haben. Die Herausgeberinnen haben sich gegen jegliche Art der Distanzierung nicht nur behauptet. Sie haben sich durchgesetzt, dabei eine Fülle von Publikationsmöglichkeiten für Wissenschaftlerinnen geschaffen und eines der wichtigsten Foren gerade auch für Nachwuchswissenschaftlerinnen und keineswegs nur für den Ansatz feministischer Politikwissenschaft im deutschen Sprachraum geschaffen. Ihre Leistung sollte durch die Verleihung eines hoch angesehenen Preises geehrt werden.

Die Herausgeberinnen haben mit den jüngsten sechs Schwerpunktheften bemerkenswerte Akzente gesetzt: Sie haben die in den Rundbriefen gepflegten Rubriken beibehalten, zugleich aber Diskussionsfelder inhaltlicher Art zugleich erschlossen und entwickelt, die nicht selten kommunikativ, interdisziplinär (etwa in der Entwicklung von Befragungsmethoden), keineswegs nur in Form von Redaktionskonferenzen, sondern in Gestalt von Workshops und Sektionstagungen, die zwar nicht immer, aber doch eher selten von anderer Seite unterstützt wurden.

Wenn man den Katalog der Kriterien durchgeht, der einer Bewerbung um den Preis oder der Einreichung eines Vorschlags, wie in meinem Fall vorausgehen soll, so ist augenfällig, in welcher Breite und Vielfalt die Vergabegründe erfüllt werden:

1. Die Zeitschrift hat im Zuge ihrer Entwicklung vielen Nachwuchswissenschaftlerinnen die Möglichkeit gegeben, sich in einem sehr angesehenen Fachorgan zu äußern, Konzepte zu entwickeln und diese zur Diskussion zu stellen, Problem zu entfalten, Forschungsdiskussionen zu eröffnen und so zur Präzisierung eines Forschungsfeldes beizutragen, welches heute aus der wissenschaftlichen Forschung nicht mehr fort gedacht werden kann. Sie hat dadurch in grundsätzlicher Weise die Voraussetzungen für eine Erhöhung des Frauenanteils innerhalb der Politikwissenschaft geschaffen, weit über die Grenzen des Quotendenkens hinaus.

2. Zugleich ist die Zeitschrift in engem Kontakt mit deutschen Politikwissenschaftlerinnen entwickelt worden und konnte dabei eine nationale, ja internationale Bedeutung erlangen. Dadurch wurde die Frauen- und Geschlechterforschung inhaltlich und weit über den institutionellen Rahmen hinaus gefördert.

3. Nicht zuletzt dadurch hat sich im Rahmen der Politik- und Sozialwissenschaft die Freie Universität als räumliches und institutionelles Zentrum feministischer Forschung neben anderen deutschen Hochburgen dieses Zugangs behaupten können. Die entstandenen Netze sind keineswegs nur durch eine kommunikative Funktion charakterisiert, sondern haben die wissenschaftlichen Kommunikationsbedingungen selbst verbessert. Das Preisgeld könnte hier gezielt eingesetzt werden und der Finanzierung von Sektionen und Workshops dienen.

4. Die Arbeitsweise der Redaktion kann in idealer Weise als Forschungsprojektform bezeichnet werden, die alle der im Ausschreibungstext erwähnten relevanten Formen ersetzt und eine höchst wirksame Form der Frauenförderung darstellt. Die Verwendung des Preisgeldes im Sinne der Ausschreibung ist m.E. nicht nur gesichert, sondern eine angemessene Verwendung der Preissumme ist aufgrund der bisherigen Arbeits- und Kommunikationsorganisation geradezu zwingend.

Die Bestrebungen des Wissenschaftlerinnen-Kreises, welche eine heute allgemein anerkannte, beachtete und keineswegs nur in feministisch interessierten Zirkeln gelesene Zeitschrift entwickelt haben, sollten durch die Verleihung eines Kreises geehrt werden, der programmatisch den Namen einer der bedeutendsten Wissenschaftlerinnen aus dem Bereich der Berliner Philosophie und Sozialwissenschaft: von Margherita von Brentano, trägt.

Darüber freue ich mich, und darauf bin ich stolz. Was wünsche ich den Beiträgern?

Das es so weitergeht, daß die große Summe dem Vorhaben dient, das Vorhaben der Datenbank gelingt und daß es bald viele Politikwissenschaftler gibt, die nicht mehr lächeln, wenn sie den Namen der Zeitschrift hören, sondern sie abonnieren, und sich zur Femina Politica bekennen.

Vorbilder dieser Bekenner und dieses Bekennens gibt es ja in anderen Bereichen. Erinnern Sie sich an einen amerikanischen Präsidenten, der sich als Berliner bekannte, obwohl alle wußten: er war Amerikaner und kein Berliner. Solche Bekenntnisse zur Femina Politica brauchten wir, nicht nur, um die Abonnementzahlen in die Höhe zu treiben, sondern auch, um das zu erreichen, was auch Sokrates, in den Wogen gegnerischer Argumente stehend, erstrebte: Die völlige Gleichberechtigung der Geschlechter in der Wissenschaft, bei Erkennen, beim Nachdenken, beim Begründen, beim Meinen und natürlich auch in den Stellungen, die Polis und Wissenschaft bieten. Viel Glück! Und: Dank an das Preisgericht!

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